Gear Check – Tony Lennartz: Der deutsche Überlebensexperte und Abenteurer über seine Ausrüstungsfavoriten.

Tony Lennartz ist kein Ausrüstungsfanatiker: Erstens geht Tony so leicht wie möglich. Und zweitens ist nur das Beste gut genug. Wobei „das Beste“ sicherlich nicht das Teuerste oder Neueste sein muss.


Tony über Autos: Ich war mit ziemlich vielen Modellen unterwegs: Lada Niva, Nissan Patrol, Land Rover Discovery, Range Rover, Mercedes GL500. Zur Zeit ist es ein Volvo Kombi. Früher bin ich Motocross gefahren. Das war nicht so spektakulär wie es heute ist, aber wir waren schnell im Gelände unterwegs. Das hat mich viel gelehrt. Auch Rallyes bin ich gefahren und war immer ganz gut dabei. Bei einem Auto für extreme Touren schätze ich es, wenn ich die volle Kontrolle über das Fahrzeug habe. Deshalb war ich vom Range Rover, den mir eine Filmgesellschaft für Touren in British Columbia zur Verfügung gestellt hat, alles andere als begeistert. Ich habe dem 100000-Dollar-Fahrzeug einfach nicht vertraut. Türen schlossen selbstständig, ab einer gewissen Geschwindigkeit senkte sich das Auto ab. Ich will selber bestimmen, wann ich ein Auto verlasse und wie ich wie schnell fahre. Deshalb war ich mit dem nur halb so teuren Discovery viel glücklicher. Damit kann man Auto fahren. Mit dem Lada Niva war ich Ende der 80er sehr zufrieden. Der Patrol war mit seiner Starrachse nicht sehr flexibel im Gelände, aber bullenstark. Beim Mercedes G und den alten Landys passt alles, auch beim Toyota Hilux stimmt die Geschichte dahinter. Das sind Fahrzeuge, die man auch in der 3. Welt sieht. Während ein Porsche Cayenne und all die anderen aufgemotzten SUVs höchstens für die Stadt taugen, da sieht man ja nicht mal aus dem offenen Fenster den vorderen Radstand.


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Ausrüstungsfavoriten für Outdoor und Bushcraft_Lennartz


Tony über Bekleidung: Manche Bekleidungshersteller investieren viel zu viel Energie und Geld in die neueste Trendfarbe und in ihre Werbung. Wenn ich Werbefilme sehe, in denen die Models in hochalpinem Gelände ums Lagerfeuer sitzen, obwohl weit und breit kein Holz vorhanden ist, reicht es mir schon. Die Verantwortlichen haben größtenteils keine Outdoorerfahrung oder eine Ahnung davon, wie ihre Sachen in Extremsituationen funktionieren. Doch im Busch sind extreme Situationen nicht die Ausnahme! Deshalb habe ich gerne ziemlich robuste Kleidung. Härkila etwa stellt fantastische Produkte her, mit denen man auch durch dichtes Dornengestrüpp kommt und die so geschnitten sind, dass man sie benutzen kann. Die Gürtelschlaufen müssen weit genug sein, die Taschen groß genug. Tiefsitzende Hosen mögen modisch ganz toll sein, aber draußen lass ich den verlängerten Rücken lieber bedeckt. Gore-Tex-Jacken habe ich auch, und die Atmungsfähigkeit ist im Labor sicher gut. Doch auf Tour hat man eher selten Laborbedingungen. Deshalb bevorzuge ich leichtere wasserdichte Jacken, die kaum etwas wiegen und klein packbar sind.


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Tony über Schuhe: Mein absoluter Favorit ist ein Meindl-Lederstiefel, der früher Safari hieß (heute Pionier). Dessen größte Vorzüge sind für mich eine gute Sohle mit Absatz, der hohe Schnitt bei relativ wenig Gewicht und der Verzicht auf eine Fütterung. Mit einer Absatzkante hat man im abfallenden Gelände einfach einen viel besseren Halt als nur mit einem durchgehenden Sohlenprofil. Vor allem, wenn man schwer bepackt ist. Das Leder ist unempfindlich und legt sich wie eine zweite Haut um den Fuß, den Knöchel und den unteren Bereich des Unterschenkels. Durch Imprägnieren mache ich den Schuh wasserfest. Wird er doch mal feucht, trockne ich ihn relativ schnell in der handwarmen Luft seitlich des Feuers. Durch den Verzicht auf einen Fütterung geht das recht schnell. Brauche ich doch mal eine Polsterung oder mehr Isolation, ziehe ich zwei Paar Socken an. Das dünnere auf der Haut, das dickere Paar darüber. Man muss nur darauf achten, dass sich die Reibung zwischen den Socken abspielt. Da muss man eventuell etwas probieren. Das sehr geringe Gewicht des Stiefels führt dazu, dass ich ein besseres Leben habe – man muss nur mal hochrechnen, wie viele Tonnen man täglich mit einem schwereren Schuh zusätzlich bewegen muss… Die Energie spar ich mir lieber. Auch der deutsche Hersteller Haix macht einige anständige Stiefel. Die meisten Stiefel muss ich jedoch zum Schuhmacher bringen, wo ich sie mit Wanderhaken nachrüsten lasse. Ein Schnellzug über die ersten Ösen am Spann ist okay, weiter oben müssen es jedoch für mich Wanderhaken sein. Ich benutze Reepschnur als Schnürsenkel, die sehr haltbar ist. Wenn sie reißen oder durchschmoren sollte, knote ich sie – aber so passt sie nicht durch normale Ösen. Das sind alles Kriterien, die sich für Gelegenheitsoutdoorer übertrieben anhören. Ich beachte sie jedoch.


Tony über Schlafsäcke: Bei einem Schlafsack ist es wichtig, dass er passt. Mein Tipp an alle: Ausprobieren! Ich kaufe meine Schlafsäcke immer im Laden und leg mich rein. Der Schlafsack muss passen. Bloß weil ein Schlafsack für 1,90-Meter Personen gekennzeichnet ist, heißt das nicht, dass er für einen 1,85-Meter-Mann geeignet ist. Für Rechtshänder sollte der Reißverschluss links sitzen, für Linkshänder rechts, sonst muss man sich mühsam verrenken um den Reißverschluss zu bedienen. Daune macht aufgrund der Luftfeuchtigkeit erst für Temperaturen unter minus zwei Grad Celsius Sinn. Viele Leute tendieren auch dazu, sich zu warme Schlafsäcke zuzulegen.


Tony über Waffen: Wie hier in Mitteleuropa Waffen gesehen werden, ist mir schon klar. Doch die Wildnis ist hart, hat nichts mit den Sonntagnachmittag-Dokus zu tun. Ich habe vollstes Verständnis für Mütter und Väter im Bärengebiet, die im Schirmständer zwei Flinten griffbereit haben und auf alles schießen, was sich ihren Häusern nähert. Zu viele Kinder und Haustiere verschwinden einfach. Was immer die Schöngeister in der Stadt denken und sagen: Das ist „fucking reality“. Bei Sichtweiten von oft nur wenigen Metern einem Bären zu begegnen ist lebensgefährlich. Es kann hier auch die am besten vorbereiteten Leute treffen. Kein Native würde ohne seine Waffe in den Busch gehen. Deshalb ist mir auf Touren meine Waffe besonders wichtig. Im Polizeidienst war ich ein exzellenter Pistolenschütze, und auch wenn die Sympathie in Richtung Handfeuerwaffe geht, kann es für mich nur eine Langwaffe sein. Die bietet einfach eine viel höhere Effizienz und Reichweite. Nachts stell ich sie an den Baum, an dem ich schlafe, und weiß sogleich, wo sie ist. Auch im Hüftanschlag macht mich die Langwaffe zielsicherer. Meine Doppelflinte ist ein deutsches Fabrikat: Seit 20 Jahren benutze ich eine Rottweil Kal. 12. Ich schätze diese Flinte sehr, da ich sie im Notfall einarmig bedienen kann und mit zwei Munitionsvarianten laden kann. In Bärengebieten ist sie gleichzeitig mit einer „Buckshot Magnum“- Patrone und einer „High Shock Slug, einem Flintenlaufgeschoss geladen. Im Falle einer Bärenattacke muss man effizient aber nach europäischem Verständnis, unwaidmännisch vorgehen: Die Schrotlandung sollte u.A. die Nasenspitze treffen und dem Bären die Sicht nehmen. Der Bär geht vermutlich daraufhin hoch, dann kann das Flintenlaufgeschoss im Bauch- und Brustbereich seine volle Energie abgeben. Ein erforderlicher Nachschuss kommt immer von hinten. Wenn ich mit meiner Marlin 444 auf deutschen Jagden auftauche, höre ich manchmal Kommentare wie: Da kommt der Lennartz mit seinem Indianergewehr. Doch die Marlin 444 ist das populärste Gewehr im kanadischen Hinterland. Das hat seinen Grund. Dieses Lever-Action-Gewehr ist zuverlässig, hat einen weichen Schlossgang und mehr Züge und Feder im Lauf als die meisten anderen Gewehre – das macht sie sehr zielsicher. Beim Nachladen spielt sich alles unterhalb des Gewehrs ab, das Auge kann im Ziel bleiben. Und die 444er Patrone ist ein tolles Kaliber. Für die wirklich stressige Praxis im Busch, wo alles an der Leichtgängigkeit und Zuverlässigkeit hängt, ist diese Kombination perfekt! Auch meine Remington-Pumpgun war schon oft dabei, denn eine Waffe sollte auch immer im Camp bleiben. Meine Leute müssen sich nicht auf „Trillerflötchen“ verlassen.


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Tony Lennartz über Messer: In den 80ern habe ich viele Messer kaputt gemacht. Mit einem Trapper war ich monatelang auf Jagd, die Messer mussten vieles leisten. Morgens waren Sie Pfannenwender. Im Laufe eines Tages musste ich damit Holz und Nahrungsmittel schneiden, Bären und anderes Wild häuten und zerwirken, Sehnen zertrennen. Nichts war perfekt oder gut genug. Ein Messer muss es auch mal aushalten, dass man versehentlich oder bewusst draufsteht oder ein Geländewagen drüber fährt. Und der Griff sollte nicht gleich dahinschmelzen, wenn das Messer zu nah am Feuer liegt. Deshalb machte ich mich zurück in Belgien an die Arbeit und entwickelte mein Messer. Ein paar Beaujolais und viele Zeichnungen später war das „Deutsche Expeditionsmesser“ geplant. Es wurde zunächst von Schlieper gefertigt, später von Puma. Inzwischen fertigt Original Eickhorn Solingen die Weiterentwicklung, das German Expedition Knife (GEK 2000). Das Messer ist von der Spitze, über die Gewichtsverteilung, bis zum Griffende und der Scheide durchdacht. Für mich ist es das perfekte Messer, vor allem in der aktuellen Version. Die jahrzehntelang bewährten Messerproportionen wurden beibehalten. Die Spitze liegt exakt in der Verlängerung der Griffachse, die vordere Rundung der Schneide unterstützt die Hiebwirkung, wirkt der Stichfähigkeit aber nicht entgegen. Der Parierschutz ist nur einseitig und gibt somit die obenliegende Daumenrampe frei. Die Schneide reicht wie bei den nordischen Messern bis zum Griff, hat weder Ricasso noch eine Schleifkerbe, die bei wichtigen Schnitten irgendwo hängen bleiben könnten. Der Griff ist durchbrochen, das Ende nach unten abgewinkelt, wie bei einer Machete. Der Rücken ist breit genug, um mit einem Schlagholz Kraft übertragen zu können. Neu ist der Korund-gestrahlte Stahl von Böhler, der K 110, den wir „nur“ auf 59 HRC härten. Zum Scharfhalten reichte früher ein kleiner Taschenwetzstab, heute sollte man eine kleine Diamantfeile dabei haben, sonst tut man sich schwer – ein Tribut an den extrem schnitthaltigen Stahl. Das Messer ist gleich groß aber deutlich leichter als das Original, durch eine Gewichtsverteilung zur Klinge hin aber noch besser zum Hacken geeignet. Die Aluminium-Griffschalen sind auch bei Kälte gut im Griff, da sie sich sehr schnell erwärmen. Das Griffende wurde mit einer zusätzlichen Bohrung zur Aufnahme einer Handschlaufe oder einer Sicherungsschnur ausgestattet. Die stabile und sichere Lederscheide ist für die Crossdraw-Trageweise (links tragen, rechts ziehen; Anm. der Redaktion) ausgelegt. Ich habe schon alles erdenkliche mit dem Messer gemacht – für mich ist es perfekt.


Tony über Taschenlampen: Im Busch habe ich keine Taschenlampe dabei. Eine leichte und kleine Stirnlampe wie die Zipka Plus2 reicht mir und entspricht meinen Anforderungen. Denn ich habe nicht vor, das Camp nach Einbruch der Dunkelheit zu verlassen. Das empfehle ich auch all meinen Begleitern. Wie schnell vertritt man sich den Fuß oder ein Ast schnellt in die Augen? Darauf kann wohl jeder verzichten. Und wenn ich im Dunkeln noch Holz suchen muss, habe ich in der zweiten Hälfte des Tages offensichtlich etwas falsch gemacht. Außerdem brauche ich beide Hände frei zum Arbeiten oder zum Sichern.


Tony über seine Auto-Ausrüstung: In meinem Auto führe ich einen Klappspaten mit, allerdings verfügt dieser über einen soliden Holzschaft lässt sich somit auch als qualifizierte Hacke oder mit einer Seitenkante als Hiebwerkzeug einsetzen. „Klappspaten“ mit Schaftscharnieren oder Teleskopschaft sind dafür weniger geeignet. Damit erübrigt sich bereits die Frage nach einem Glasbrecher und einem Stemmeisen, da ein solcher Spaten auch diese Einsatzbereiche an einem Fahrzeug abdeckt. Einen leichten Kunstfaserschlafsack habe ich ebenfalls kontinuierlich an Bord.


Tony über sein Erste-Hilfe-Set: Als MedicPack favorisiere ich den First-Aid-Kit „Compact“ von Tatonka.


Tony über Rucksäcke: Die jeweilige Zielsetzung meiner Unternehmung verlangt eine differenzierte Wahl des Rucksacks. Meine Favoriten sind die Modelle Mammut Extreme 35, Karrimor Sabre, Lowe alpine Tfx Cerro Torre 65 – 20, Mammut Heron Element 60 – 15 und letztlich der Vaude Astra 55 + 10 ll black. Wichtig ist auch hier, dass man den Rucksack gründlich testet vor einer Tour. Dazu gehört auch, dass man mit voll beladenem Rucksack ein paar Sprünge von einem Stuhl macht. Mal sehn, ob alle Gurte halten…


Tony über Feuerstarter: Sicher besitze ich einen Magnesium-Feuerstarter -Kit und auch ein geschenktes Zippo. Aber Ersteres gehört für mich zum Kindergeburtstag oder zu romantischen Campfeuer-Sessions. Mit dem Zippo (besonders bei diesem mit Feldjägerstern) lässt sich so herrlich in Nostalgie schwelgen. Wenn man draußen etwas strapaziert ist, im schlechten Wetter steht und die hungrigen Kumpels drängen, nehme ich das überall verfügbare Bic. Sofern ich mit dem Rucksack unterwegs bin, habe ich eines in der Hosentasche und ein zweites im leicht erreichbaren Deckelfach. Wenn ich mit Gummistiefeln vor einer Pfütze stehe, gehe ich auch nicht drumherum sondern mittendurch.


Tony über sein EDC: Zu einer Wanderung oder längerem Spaziergang nehme ich ein Bic, mein verdecktes GEK 2000-EDC und mein Samsung Galaxy S Plus. Diese Teile trage ich immer am Mann. Wenn ich nur in die Stadt gehe, verzichte ich auf ein Messer oder nehme nur ein Laguiole mit. Von Hilfsmitteln, die erkennbar für die Selbstverteidigung konstruiert sind, rate ich ab. That`s it!


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Survivalprofi und Abenteurer Anton Lennartz


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