Kaufberatung Gärtnermesser: Hippe, Okuliermesser & Kopuliermesser von Tina Messer aus Reutlingen.

SPEZIALISTEN
Ein Profi benutzt ein Messer zum Veredeln von Pflanzen – so einfach ist das! Hier erfahren Sie, was ein gutes Veredelungsmesser ausmacht.
Text, Interview & Fotos: Oliver Lang-Geffroy (erschienen im MESSER MAGAZIN; www.wieland-verlag.com)

Man isst einen leckeren Apfel, entnimmt einen Kern aus dem Gehäuse, pflanzt ihn ein und hegt das sich entwickelnde Pflänzchen gut. Es gedeiht, eine Rute wächst.
Doch wird sie Früchte tragen, eventuell sogar Früchte mit den selben guten Eigenschaften wie die Frucht, aus der der Samen entnommen wurde? Leider nicht.

Pflanzen wie Obstbäume oder Rosen müssen veredelt werden, um gut und ertragreich zu gedeihen. Durch das Veredeln überträgt man die Eigenschaften einer Mutterpflanze mit den guten, gewünschten Eigenschaften auf einen anderen Pflanzenteil, die Obstunterlage. Zwei Pflanzen werden also durch bestimmte Techniken verbunden. So kann aus einem Apfelbaum, der gut mit den Bodenbeschaffenheiten zurecht kommt, aber saure und kleine Äpfel trägt, ein Baum werden, der immer noch fest und gut verwurzelt ist, dessen Äpfel inzwischen aber auch richtig gut schmecken. Aus einem von Schädlingen befallenen Rosenstock kann eine Pflanze mit gesunden und sogar – wenn gewünscht – verschiedenfarbigen Rosen werden. Die bekanntesten Veredelungstechniken sind das Kopulieren, Pfropfen, die Geißfußveredelung und das Okulieren.

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In Baumschulen und Pflanzenzuchtbetrieben ist das Veredeln zum Erhalt der Sortenreinheit und zur Nachzucht Tagesgeschäft. Die Pflanzen müssen zudem fachmännisch beschnitten und gepflegt werden. Ein gutes Gärtnermesser ist bei dieser Arbeit, bei der am Tag oft Hunderte kontrollierte und saubere Schnitte geführt werden müssen, unabdingbar. Denn nur ein sauberer Schnitt ist pflanzenschonend und zweckmäßig. Ein Chirurg arbeitet ja auch nur mit den schärfsten Klingen. Auch im heimischen Garten ist ein gutes Gärtnermesser ein unverzichtbares Werkzeug.

Sieghard Schwille, Firmeninhaber in der 4. Generation der weltweit renommierten TINA-Messerfabrik aus Reutlingen, erzählt im Interview, was ein gutes Veredelungsmesser ausmacht und erläutert die wesentlichen Eigenschaften und Einsatzzwecke von Hippe, Kopuliermesser und Okuliermesser.

Oliver Lang-Geffroy: Für die verschiedenen Veredelungsmethoden gibt es unterschiedliche Messerformen. Worin liegen die Gemeinsamkeiten?

Sieghard Schwille: Arbeitet man den ganzen Tag mit dem Messer, ist es wichtig, dass der Griff sicher und absolut komfortabel in der Hand liegt. Die Schalen, bei uns meist aus Nussbaumholz, müssen sauber gerundet sein, der Griff lang genug. Da es bei der Veredelung auf einen absolut präzisen und glatten Schnitt ankommt, wird vor allem nicht-rostfreier Kohlenstoffstahl verwendet (bei TINA mit 1,5 Prozent Kohlenstoffanteil und 61 HRC Rockwell), der sich besonders fein ausschleifen lässt und lange schnitthaltig ist. Feine Schneidenwinkel von 10 bis 15 Grad (gesamt) sind damit durchaus möglich. Unsere TINA-Klingen zeichnen sich zudem – ob einseitig oder beidseitig geschliffen – durch eine leicht ballige Geometrie aus, die die feine Schneide stützt und saubere Schnitte unterstützt. Die Gesamtkonstruktion muss natürlich stabil sein, die Passungen genau ausgeführt. Pflegt man ein hochwertiges Messer gut, indem man es nach der Arbeit reinigt, ab und zu mit etwas Öl pflegt (auch an der Kontaktstelle zwischen Klingenwurzel und Rückenfeder) und regelmäßig an einem feinen Stein abzieht, wird man viele Jahre mit diesem Messer arbeiten können.

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Ein bekanntes Modell ist die Hippe. Was zeichnet diese aus?

Hier gibt es unterschiedliche Formen. Eine sogenannte Schwunghippe ist relativ lang und besitzt eine schwerere, stark gekrümmte Klinge. Unsere Schwunghippen sind beidseitig ballig geschliffen. Muss stark, fast bis zum Stammholz zurückgeschnitten werden („auf Zapfen schneiden“), sind sie das Mittel der Wahl. Die Griffform mit dem stark nach oben gezogenen Griffende ist durch die Klingenform bedingt, gleichzeitig liegt die Hippe beim ziehenden Schnitt, für den sie gemacht ist, sicher in der Hand. Die normale Hippe ist etwas kürzer und nicht ganz so stark geschwungen. Sie wird zum Zurückschneiden, aber auch zum Versorgen der Wundränder, zum Entfernen von Baumkrebs und zum Ausräubern, dem Abschneiden der senkrecht nach oben wachsenden Wassertriebe, verwendet. Auch zur Ernte im Kräutergarten ist sie gut geeignet. Kopulierhippen sind nur leicht gekrümmt, haben eine schmalere Klinge und werden bei uns für einen besonders feinen Kopulierschnitt einseitig geschliffen (auch für Linkshänder).

Wie schärft man eine geschwungene Klinge am besten?

Idealerweise benutzt man einen konvexen Stein, der zur Klingenkrümmung passt. Man kann auch schmale Schärfhilfen benutzen.

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Kopuliermesser gibt es auch mit geradem Schneidenverlauf und abgesenkter Spitze?

Bei manchen Pflanzen ist für den Kopulationsschnitt eine gerade Klinge, mit der sich ebenfalls sehr präzise schneiden lässt, besser geeignet. Messer mit gerader Klinge werden auch häufig zum Schneiden von Blumen verwendet. Stecklingsmesser zeichnen sich durch eine spitz zulaufende, schmale und ebenfalls sehr fein ausgeschliffene Klinge aus.

Okuliermesser haben häufig einen besonders geformten Klingenrücken oder auch eine weitere Werkzeugklinge aus Messing oder Horn? Wozu dient diese Konstruktion?

Beim Okulieren wird ein sogenanntes Edelauge, das von einer Pflanze mit den gewünschten Eigenschaften stammt, über einen T-Schnitt mit der Unterlage verbunden. Um das veredelnde Augen einsetzen zu können, muss die längs angeschnittene Rinde gelöst und angehoben werden, ohne die direkt darunter liegende Kambium-Wachstumsschicht zu beschädigen. Man benötigt also eine Klinge, mit der sich die Rinde kontrolliert einschneiden lässt und einen Rindenheber. Manche schwören auf den Rindenheber an der Klinge, andere nehmen dazu lieber ein separates Werkzeug am anderen Griffende.

Immer wieder sieht man auch Hobbygärtner mit der Schere im Garten hantieren. Was halten Sie davon?

Jemand, der seine Pflanzen liebt – und ein Profi sowieso – wird immer ein gutes Messer benutzen. Mit einer Schere quetscht man, mit einem Messer schneidet man.

Vielen Dank für das freundliche Gespräch.

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Firmenhintergrund
Die Pflanzenveredelungsmesser der im Herzen Württembergs ansässigen Firma Tina gelten weltweit als Referenz. Die TINA-Messerfabrik wurde 1854 von Johann Friedrich Schwille gegründet und 1885 unter seinem Nachfolger Gottlieb Friedrich Schwille in die Handwerksrolle eingetragen. Seit 1890 wird exportiert, damals zunächst in die Schweiz und auf den Balkan. Um 1910 kam Mittelamerika als wichtiger Exportmarkt dazu. Heute wird von Reutlingen aus in 32 Länder der Welt geliefert. Und immer noch leitet ein Schwille, und zwar Sieghard Schwille, gemeinsam mit seiner Familie und einem erfahrenen Team die Geschicke der Firma. „Simply the best horticultural knives in the world!“, so lautet das Motto der Firma, die unter anderem auch Spezialmesser für die Leder und Kunststoffe verarbeitende Industrie herstellt.

Kontakt
Tina-Messerfabrik
Am Heilbrunnen 77/79
72766 Reutlingen
Deutschland
Tel. +49-(0)7121-491534
www.tina-messerfabrik.de
tina.messerfabrik@t-online.de

 

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