Survival-Ikone Cody Lundin über die beste Survivalausrüstung, sein Messer, Bug-Out Bags und die richtige Einstellung

Cody Lundin wurde vor allem durch die Survivalshow „Dual Survival“ bekannt, die bei uns viele Jahre lang erfolgreich auf DMAX lief. In dieser Zeit wurden ihm verschiedene Partner zugeteilt, unter anderem Dave Canterbury, der bei der Bebilderung auch zu sehen ist. Er wurde jedoch, wie andere, irgendwann gefeuert. Übrig blieb stets nur Cody Lundin. Nun hat es auch diesen erwischt. Cody ist draußen.

Nichtsdestotrotz ist der Inhalt des folgenden Interviews, das wir geführt haben und das gekürzt im GEAR Magazin 2011 gedruckt wurde, inspirierend und aktuell.

Codys Facebook-Auftritt: https://www.facebook.com/pages/Cody-Lundin-Aboriginal-Living-Skills-School-LLC/124508247561387


BE PREPARED


…not scared. Cody Lundin ist nicht nur Teil einer bekannten TV-Show, sondern auch Autor von zwei Bestsellern über Outdoor- und Urban-Survival. Wir haben mit ihm über seine Philosophie gesprochen.


Interview: Oliver Lang-Geffroy


Wer in letzter Zeit beim Männersender DMAX reingeschaut hat, kennt Cody Lundin. Cody gibt dort in der vom Discovery Channel produzierten Survival-Doku „Das Survival Duo“ den relaxten Gegenpart zum Hardliner und Ex-Militär Dave Canterbury. Der Survival-Ratgeber spielt in den unterschiedlichsten Regionen dieser Welt, das können die Sümpfe Brasiliens oder die Wüste Arizonas sein. Und wenn sich Cody und Dave mal wieder nicht ganz einig über das beste Vorgehen sind, hat die Doku ein bisschen was von einer Screwball-Komödie. Meistens läuft es dann darauf hinaus, dass Dave mit vollem Krafteinsatz etwas jagt, während Cody mit Verstand ein heimeliges Nachtquartier vorbereitet, in dem man bestimmt nicht auskühlt.Der 100-Kilo-Mann Cody Lundin ist in den USA einer der bekanntesten Survival-Trainer. Mit seinen zwei Büchern „98,6 Degrees“ und „When all hell breaks loose“ hat er zwei Bestseller der modernen Survival-Literatur geschrieben. Weitere Informationen zu Cody Lundin gibt es auf seiner gut gepflegten Homepage: www.codylundin.com.


Oliver Lang-Geffroy: Hi Cody, dein Vater war beim Militär, weshalb du als Kind viel durch die Welt gezogen bist. Hat das deinen Blick auf die Natur verändert?
Cody Lundin: Bei all den verschiedenen Stationen, die wir als Familie durchgemacht haben, gab es eine Konstante: Die Natur war immer um mich herum. Und ich war bereit, sie zu entdecken. Zwei Jahre habe ich übrigens auf einer Militärbasis bei Zweibrücken verbracht – auch euer Land mit seinen Wäldern war mir also ein Zuhause.


OLG: Ende der 80er-Jahre hast du deinen ersten Survivalkurs absolviert und wurdest kurz darauf bei der Boulder Outdoor Survival School (Utah, USA), in der vor allem primitive Techniken der Ureinwohner gelehrt werden, zum Ausbilder. Wie kam es dazu?
Cody: Es war ganz einfach die einzige Survival-Schule, die ich kannte. Schon während meiner Highschool-Zeit habe ich mich für das Leben der Indianer interessiert, hab die Überreste des „road kill“ (überfahrene Tiere) von der Strasse gezogen und verwertet. Man kann also sagen, dass das Bewusstsein für das Leben mit der Natur und das Überleben in ihr schon lange vorhanden war.


OLG: Anfang der 90er hast du schließlich ein eigenes Ding aufgezogen und die „Aboriginal Living Skills School“ gegründet. Dein Interesse und Verständnis für die Lebensform der Ureinwohner Amerikas und anderer Kulturen gehen tief. Der Ansatz, den du lehrst, unterscheidet sich davon aber teilweise.
Cody: Es gibt so viele unterschiedliche Ansätze: moderne Survival-Techniken, sogenannte primitive, ursprüngliche Überlebenstechniken, Bushcrafting (also Kenntnisse darüber, wie man über längere Zeit abseits der Zivilisation lebt, Anm. d. Red.), urbanes Survival-Wissen, alte Haushaltstechniken… Natürlich lehren sie letzten Endes alle, wie man am Leben bleibt. Doch die Zielsetzung ist komplett verschieden. So kommt dem „Gerettetwerden“ in einem modernen Survival-Szenario die größte Bedeutung zu, beim Erlernen primitiver Technik hingegen geht man nicht mal darauf ein, wie man Hilfesignale absetzt. Ein guter Survival- Trainer sollte ein umfassendes Wissen haben und das leben, was er unterrichtet. Das tun jedoch die wenigsten. Ich habe in all diesen Bereichen tiefe Kenntnisse, lebe abgeschieden in einem mit Freunden gebauten Haus, das völlig autark ist, unterrichte aber auch moderne und urbane Survival-Techniken, bei denen es vor allem erst mal darum geht, die ersten 72 Stunden zu überstehen.


OLG: In deinen Büchern geht es ausführlich um die Einlüsse, die die Umgebungstemperatur, die Kleidung, der physische Zustand sowie die Nahrungs- und Wasserversorgung auf die Regulierung der Körpertemperatur haben. Das Thema scheint dir wichtig zu sein.
Cody: Das Thema ist essenziell. Die häufigsten Todesursachen bei Unglücken in der Natur sind Erfrieren oder Überhitzen/Verdursten. In den Nachrichten heißt es dann immer, die Verunglückten wären an Erschöpfung gestorben. Als ich 2002/2003 mein erstes Buch schrieb, hatte sich niemand ausführlich mit diesem Thema befasst.


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OLG: „When all hell breaks loose“ befasst sich mit einem großstädtischen Überlebensszenario. Es geht darum, was passiert, wenn das Stromnetz ausfällt – wegen einem Sturm, Tsunami, Schneechaos, Erdbeben oder Terroranschlag. Klimaanlagen und Heizungen funktionieren nicht mehr, die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung ist gestört, Lampen, Kühlschrännke und Öfen funktionieren nicht. Wie bereitet man sich auf so eine Situation vor?
Cody: Probiert es doch einfach mal aus, und legt für ein Wochenende den Sicherungsschalter um. Ihr werdet ganz schnell herausfinden, was euch an den Eiern kriegt. Bei allen Menschen in so einer Situation geht’s darum, den Körper am Laufen zu halten, doch auch die psychischen Effekte einer solchen Situation sind enorm – und von Familie zu Familie unterschiedlich.


OLG: Was kostet es, sich auf Notfälle dieser Art vorzubereiten?
Cody: Das, was die Menschen begehren,ist immer kostspielig. Doch das Erfüllen menschlicher Grundbedürfnisse ist nicht teuer. Es wird also nicht viel kosten, sich auf eine solche Notfallsituation einzustellen. Dosen-Essen, das allen schmeckt und leicht zuzubereiten ist, kommt immer gut, dazu noch Reis, Bohnen und Wasservorräte für mindestens zwei bis vier Wochen, Batterien für Lampen, große Müllbeutel (auch die Notdurft muss entsorgt werden!), Entkeimungsmittel und Aufbewahrungsmöglichkeiten für Wasser und Brennholz. Außerdem muss das Haus oder die Wohnung isoliert und beheizt werden können.


OLG: Worin liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei einer Outdoor- und bei einer städtischen Überlebenssituation?
Cody: Das Ziel ist das selbe. Der Körper braucht Nahrung und Wasser und die richtige Temperatur. Nur wie man es schafft, sich zu helfen, unterscheidet sich deutlich. Im Wald mache ich durch Reiben von Hart- auf Weichholz Feuer, in der Stadt eventuell mit Batterien und Stahlwolle.


OLG: Was hast du immer dabei, wenn du das Haus verlässt?
Cody: Ich habe immer ein Messer und Hilfsmittel zum Feuermachen dabei, meistens auch eine Signalpfeife. Schneidwerkzeuge und Feuer haben weltweit dazu beigetragen, Zivilisationen und Kulturen aufzubauen. Sie sind unabdingbare Hilfsmittel fürs Leben. So gut wie immer habe ich auch eine Hüfttasche dabei, in der mein persönliches Survival Kit untergebracht ist. Eine genaue Auflistung der Teile mit Begründung gibt es in „98,6 Degrees“. Aber da muss jeder seinen persönlichen Weg finden. Und dann gilt ja noch: Je mehr man weiß, desto weniger braucht man.

Codys Mora


OLG: Du benutzt ein einfaches skandinavisches Messer mit Kohlenstoffstahlklinge. Warum genau dieses?
Cody: Ich mag einfache Messer, die funktionieren. Die Wahl des Messers ist eine wichtige und sehr persönliche Angelegenheit.


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Cody Lundin Survival Knife Knives


OLG: Was gehört unbedingt in ein Bug-Out-Bag, also ins Notfallgepäck, das immer bereit stehen sollte, wenn man das Haus eilig verlassen muss oder mit dem Auto auf dem Land liegen bleibt?
Cody: Das hängt von verschiedenen Variablen ab: Was ist einem wichtig, benötigt man etwa Medikamente, wie gut kennt man sich mit Überlebenstechniken aus, wie ist das Klima und das voraussichtliche Wetter in der Gegend, in der man sich bewegt, welche Vegetation herrscht vor? Vor allem ist aber auch wichtig, dass man versteht, wie man den Körper am Leben hält. Dazu muss man wissen wie er funktioniert. Also, macht eine Auffrischung in Erster Hilfe, lernt, wie der Körper seine Temperatur hält und was er dazu braucht. Besucht einen Survivalkurs und benutzt eure Ausrüstung. Holt sie immer wieder raus und integriert sie in euer Leben. Im Notfall müssen die Abläufe automatisch sitzen.   Survivalequipment ist natürlich auch ein riesiger Wirtschaftszweig, und alle wollen einem etwas verkaufen. Doch es ist ganz einfach: Schaut euch an, was ein moderner Rucksackwanderer einpackt auf Tour. Und dann nehmt ihr euch das als Vorbild, und ihr seid im Grunde völlig unabhängig, in städtischem Gebiet und auch in der Natur. Unabhängigkeit ist wichtig.


OLG: An einem Ausrüstungsteil scheinst du aber sehr zu hängen: Kraftklebeband. Ohne geht’s wohl nicht?
Cody: Geht schon, aber das Zeug ist grossartig. Amerika wurde förmlich aus Klebeband und Bindedraht aufgebaut. Duct Tape habe ich in rauen Massen um meine Taschenlampen und um meine Wasserflaschen gewickelt. Damit habe ich schon Leute zusammengeflickt, also Gelenke stabilisiert und Brüche geschient, Blasen verhindert, die unterschiedlichsten Ausrüstungsteile repariert und Sonnenbrillen daraus gebastelt. Dieses Zeug ist so vielseitig verwendbar, dass es sein Gewicht in Gold wert ist.


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OLG: Der Schmuck, den du trägst, sieht indianisch aus. Was bedeutet er dir?
Cody: Meine Armreife wurden von Navajo-Indianern gemacht. Das Armband, das mir am meisten bedeutet, hat mir meine Mutter geschenkt. Ich trage es seit mehr als 20 Jahren. Die Halskette ist von meiner Freundin Sara. Sie besteht aus den Krallen eines Pumas. In der Mitte hängt Thors Hammer, das Symbol der Wikinger für den Wettergott. Ebenfalls ein Geschenk. Mein Schmuck bedeutet mir viel, doch was genau, ist schwer in Worte zu fassen.


OLG: Was sind für dich die wichtigsten Erfindungen der Menschheit?
Cody: Schneidwerkzeuge und Hilfsmittel zum Feuermachen.


OLG: Was fährst du für ein Auto?
Cody: Ich lebe gut 60 Meilen von der nächsten Stadt entfernt, die Hälfte davon sind über unbefestigte Wege zurückzulegen, die sich über die Wüstenhochebene Arizonas schlängeln. Es ist daher ein Allrad-Jeep. Dort wo ich lebe, funktionieren normale Autos spätestens dann nicht mehr, wenn das Wetter umschlägt und die Strassenverhältnisse noch schlechter werden.


OLG: Als du bei der ersten Folge von „Survival Duo“ nur mit Socken durch den Schnee gelaufen bist und Dave es nicht fassen konnte, fiel einer deiner lustigsten Sätze: „My mitochondria can kick Dave‘s mitochondria any day of the week“! („Meine Mitochondrien können Daves Mitochondrien jederzeit schlagen“ – Mitochondrien sind die kleinen „Kraftwerke“ in den Körperzellen, Anm. d. Red.) Was empfiehlst du zum Abhärten?
Cody: Pass dich an die Umgebung an, versuch dich zu akklimatisieren. Ureinwohner haben und hatten das viel besser drauf als wir, die wir vom klimatisierten Haus ins klimatisierte Auto steigen und zur Arbeit fahren, wo auch wieder alles geregelt ist. Es ist wie mit dem Krafttraining. Willst du stärker werden, musst du den Muskeln hohe Widerstände entgegensetzen. Da die Jahreszeiten nicht von einem Tag zum anderen umschlagen, bleibt Zeit genug, sich an die veränderten Verhältnisse anzupassen. Man muss nicht gleich die dickste Jacke rausholen…


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OLG: Du läufst seit gut 20 Jahren fast immer barfuss. Warum?
Cody: Ich mag meine Füsse. Ausserdem bedingt das Barfusslaufen, dass ich meiner Umwelt stets aufmerksam gegenüberstehen muss. Das führt dazu, dass ich mehr sehe, bewusster lebe und eine bessere Verbindung zur Erde habe. Auch die Herausforderung gefällt mir und tut mir gut.


OLG: Machst du auch mal Urlaub? Wie erholst du dich?
Cody: Ich fahr einfach los, ohne mir gross etwas vorzunehmen oder häng bei mir zu Hause ab und schraub noch ein wenig an meinem Niedrigenergie-Haus rum. Das entspannt mich.


OLG: Du wirkst ein wenig wie der Musiker Henry Rollins. Lieg ich da richtig? Oder läuft zu Hause auf deiner Anlage auch mal Gil Scott Heron? Könnte auch passen.
Cody: Ich mag viele Arten von Musik. Am meisten allerdings Heavy Metal.


OLG: Was gibt dir Energie?
Cody: Meine Verbindung zu einer höheren Energie.


OLG: Gibt es etwas, das du den Lesern noch mit auf den Weg geben willst?
Cody: Für sich selbst sorgen zu wollen, zu können und auch selbstgenügsam zu sein, sind gute und erstrebenswerte Eigenschaften. Versucht unabhängig zu leben und hört dabei auf euer Gefühl. Achtet auf die Umwelt und vereinfacht euer Leben zumindest ein wenig. Es gibt nichts Besseres!


Interview: Oliver Lang-Geffroy (Underwood Publishing)

Erschienen im GEAR Magazin 2011 (Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Verlags)

Fotos: Gibbs Smith Publishing;D-Max/Discovery Channel


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Interview with Cody Lundin GEAR magazine

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